Bericht zur Fahrt vom 1. bis 4. Oktober 2016. Nach einer anstrengenden, überlangen Anreise erreichte die Gruppe der Abenteuerkiste das Jugendhostel Piast in Krakau. Ein geplanter erster Orientierungs-Spaziergang musste angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit entfallen.

Führung durch das ehemalige Stammlager Auschwitz I

Am nächsten Morgen  machte sich die Gruppe früh auf den Weg nach Oswiecim/Auschwitz. In einer insgesamt sechsstündigen Führung durch das ehemalige Stammlager Auschwitz I und das Vernichtungslager Auschwitz II – Birkenau wurde sie mit dem grausamen Leidensweg und der Vernichtung von über einer Million Juden konfrontiert. Obwohl alle Jugendlichen und junge Erwachsene die Bilder des Eingangstores mit dem zynischen Spruch „Arbeit macht frei“, Fotos von Birkenau und vom Holocaust schon vielfach gesehen hatten, hinterließ die direkte Begegnung mit diesen Schreckensorten einen emotional tief bewegenden Eindruck. Das Ausmaß des Leidens, des Hungers, der Misshandlungen, der Angst, des Drecks, der völligen Entwertung menschlichen Lebens, der Brutalität, der Industrialisierung des Tötens und des Sadismus` der Täter ist eigentlich nicht vorstellbar – und auch nach der Führung brauchten die Jugendlichen Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten. Die polnische Deutschlehrerin, die die Führung leitete, half mit ihrer ruhigen und doch bewegten Art. Ein Jugendlicher sagte, er habe noch nie so lange so intensiv zugehört.

Den Abend verbrachte die Gruppe in einer Studentenkneipe. Krakau ist eine junge Stadt mit 150.000 Studenten und die lockere Atmosphäre war wohltuend.

Spaziergang durch das im Krieg unzerstört gebliebene jüdische Viertel Kazimierz

Der zweite Tag begann mit einem Spaziergang durch das im Krieg unzerstört gebliebene jüdische Viertel Kazimierz. Die kleinen engen Gassen, zweistöckigen Häuser und die groben Pflastersteine bieten eine schöne Kulisse für die Entdeckertour in das jüdische Leben vor dem Holocaust. In Kazimierz gibt es noch sieben Synagogen. Die Remuh-Synagoge, die wir besichtigen wollten, war leider geschlossen. Auf dem benachbarten Friedhof steht ein aus zerstörten Grabsteinen bestehender Wall, der auch Klagemauer genannt wird.

Danach überquerten wir die Weichsel, um in das angrenzende Viertel Podgorze zu gelangen. Hier wurden alle jüdischen Bewohner der Stadt in einem Ghetto zusammengepfercht. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten 70.000 Juden in Krakau, heute sind es nur noch ein paar Hundert. In Podgorze gelangten wir zum Platz der Ghettohelden. Eine Installation von übergroßen Stühlen soll an die Räumung des Ghettos erinnern. Jeder Stuhl steht für 1000 Juden, die umgebracht wurden.

Aber es gab auch zwei „Gerechte unter den Völkern“, die in Krakau lebten. Einer war Tadeusz Pankiewicz, der polnische Besitzer der Apotheke Pod Orlem, der als einziger Nicht-Jude im Ghetto lebte. Er gewährte vielen Menschen Zuflucht vor Verschleppung. Das Ghetto wurde im März 1943 von dem sadistischen Schlächter von Plaszów, Amon Göth, aufgelöst. Die noch arbeitsfähigen Menschen wurden ins Lager Plaszów transportiert, Alte, Kranke und Kinder wurden umgebracht.

Allein in Plaszów starben 20 000 Krakauer Juden

Allein in Plaszów starben 20.000 Krakauer Juden. Hier rettete der zweite „Gerechte unter den Völkern“ – Oskar Schindler –  1100 Lagerhäftlinge, die er in seiner Fabrik unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten ließ.

Das Lager Plaszów war schwierig zu finden. Hier ist alles anders als in Auschwitz:  Keine Reisebusse mit Schulklassen, keine Gruppen aus Israel, den USA oder dem Rest der Welt. Hier war unsere Gruppe ganz allein. Das hügelige Gelände wirkt mit Rasen, Bäumen und Sträuchern wie ein schöner Park.

In Plaszow wurde nichts konserviert oder rekonstruiert. Hinweistafeln oder Schilder suchten wir vergeblich, auch die Villa von Amon Göth war für uns nicht aufzufinden. Auf einem Hügel über der großen Wiese steht ein riesiges Denkmal für die Opfer des Faschismus. Daneben findet man noch ein kleineres für die ungarischen Juden. Das KZ Plaszów war ihre letzte Station vor ihrer Ermordung in Auschwitz.

Auf dem Rückweg von Plaszów in die Innenstadt gerieten wir noch in eine große Demonstration auf dem großen Marktplatz Rynek. Recherchen im Internet ergaben recht schnell, dass es sich um den „schwarzen Montag“ handelte, der in ganz Polen stattfand und sich gegen eine Verschärfung des polnischen Abtreibungsrechtes richtete.

Nach den schweren Themen brauchte die Gruppe Entspannung und so bummelten wir noch ein bisschen durch Krakau, schauten uns den Wawel mit der Königsburg an und gingen zeitig essen.

Der Dienstag galt der Heimreise, die ohne große Komplikationen vonstatten ging.

Gefördert mit Mitteln aus dem Kinder- und Jugendförderplans des Landes NRW